Spotlight E-Health

Research Spotlight 2020-03: E-Health

Video-Sprechstunden, Apps auf Rezept, ePa, E-Rezept und KI: Deutschlands Patienten fordern mehr digitale Gesundheitsangebote

Es dauert nur noch wenige Wochen, dann können Ärzte in Deutschland erstmals Gesundheits-Apps für das Smartphone verschreiben. Anfang 2021 folgt die Einführung der elektronischen Patientenakte, 2022 wird das E-Rezept zur Pflicht. Und zwei Drittel (65 Prozent) der Menschen in Deutschland sind auch der Ansicht, dass mehr Tempo beim Ausbau digitaler Gesundheitsangebote nötig ist. 60 Prozent sehen Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems zurückliegen.

Digitaler Arztbesuch

In den vergangenen Wochen während der Corona-Pandemie hat sich viel getan – z. B. war es Berufstätigen kurzzeitig möglich, durch eine Sonderregelung auch telefonisch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen. Diese Regelung lief zum 1. Juni aus. Bei den Versicherten kam diese Regelung gut an: Eine Mehrheit von 62 Prozent der Menschen in Deutschland spricht sich dafür aus, dass Krankmeldungen ohne Arztbesuch nicht nur telefonisch, sondern auch digital, etwa per E-Mail, Messenger oder App möglich sein sollten. Dabei erstreckt sich der Zuspruch quer über alle Altersgruppen: 69 Prozent der 16- bis 29-Jährigen sagen dies, 66 Prozent der 30- bis 49-Jährigen, 65 Prozent der 50- bis 64-Jährigen sowie mehr als jeder zweite Senior ab 65 Jahren (51 Prozent).

Auch Video-Sprechstunden werden von immer mehr Ärzten angeboten und von den Patienten angenommen: Die Mehrheit der Bundesbürger würde den Arztbesuch angesichts der Corona-Pandemie gern ins Internet verlegen. Zwei Drittel (66 Prozent) meinen, Ärzte sollten Online-Sprechstunden anbieten, um die Ansteckungsgefahr in der Praxis zu reduzieren.

Aktuell hat jeder Achte (13 Prozent) bereits eine Video-Sprechstunde mit einem Arzt oder Therapeuten wahrgenommen. Damit hat sich der Wert im Vergleich zum Vorjahr (5 Prozent) fast verdreifacht und ist v.a. innerhalb des Corona-Quartals stark angestiegen: Im Frühjahr 2020 hatten erst 8 Prozent Erfahrungen mit der Video-Sprechstunde gemacht. Von jenen, die bislang noch keine Video-Sprechstunde wahrgenommen haben, kann sich fast jeder Zweite (45 Prozent) vorstellen, künftig auch online zum Arzt zu gehen.

Und wer einmal in der Videosprechstunde war, will wieder hin: So sagen 12 Prozent, auch künftig wieder eine Video-Sprechstunde nutzen zu wollen, nur 1 Prozent will davon absehen. Wenn eine Video-Sprechstunde in Anspruch genommen wird, dann fast ausschließlich beim eigenen, bereits bekannten Arzt (97 Prozent). Der Rest bucht einen Besuch bei einem bislang unbekannten Arzt über eine Online-Plattform. Der Online-Arztbesuch wurde von den Teilnehmern dabei grundsätzlich positiv erlebt: 87 Prozent beurteilen ihre Erfahrung gut oder sehr gut.

Für viele war das Coronavirus Ausschlag gebend, um eine Video-Sprechstunde zu nutzen: So sorgen sich 85 Prozent vor einer Infektion mit Covid-19 in der Arztpraxis. 41 Prozent haben Angst, sich im Wartezimmer mit einer anderen Krankheit anzustecken. Mehr als jeder Zweite (54 Prozent) gibt als Grund an, möglichst schnell einen ärztlichen Rat erhalten zu wollen, weitere Gründe sind die Vermeidung von Wartezeit (38 Prozent), Bequemlichkeit (35 Prozent) und bei jedem Vierten (26 Prozent): Neugier.

Die Krankenkassen übernehmen seit April 2017 die Kosten einer Online-Sprechstunde. Im Mai 2018 hatte der Deutsche Ärztetag den Weg dafür geebnet, dass sich Patienten auch ohne vorherigen persönlichen Arztbesuch via Videochat behandeln lassen können – wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt bleibt. 14 von 16 Bundesländern haben die ärztliche Berufsordnung inzwischen entsprechend angepasst. Bei der Online-Sprechstunde kommunizieren Arzt und Patient über einen zertifizierten Videodienstanbieter, der für einen sicheren technischen Ablauf sorgt. Nötig sind neben einer Internetverbindung eine Webcam, Lautsprecher und ein Mikrofon – also technisches Equipment, das in Tablets und Smartphones bereits standardmäßig enthalten ist.

Auch bei jenen, die bislang nur persönlich in der Praxis vorstellig wurden, herrscht eine große Offenheit für digitale Angebote: Fast jeder Zweite (45 Prozent) kann sich vorstellen, künftig eine Video-Sprechstunde wahrzunehmen. 38 Prozent schließen dies jedoch für sich aus. In dieser Gruppe bevorzugt die Mehrheit ein persönliches Gespräch (84 Prozent) oder hat Sorge vor einer Fehldiagnose (75 Prozent), wenn man sich nur online trifft. Jeder fünfte unter denjenigen, die eine Video-Sprechstunde ablehnen (21 Prozent), verfügt nicht über die notwendigen technischen Voraussetzungen bei sich.

Diabetes-Tagesbuch, Rückenübungen für zuhause oder Augentraining: Apps auf Rezept

Die Offenheit für Gesundheits-Apps, die der Arzt verschreibt, ist groß. Von Sommer 2020 an werden die ersten Apps dieser Art in Deutschland verfügbar sein und von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Fast 6 von 10 Befragten (59 Prozent) können sich gut vorstellen, eine solche App zu nutzen. Selbst von den über 65-Jährigen sagt dies fast jeder Zweite (48 Prozent). 4 von 10 Patienten (40 Prozent) wollen ihren Arzt sogar aktiv nach einer App auf Rezept fragen und fast jeder Dritte (30 Prozent) ist der Meinung, dass es künftig Fälle gibt, in denen Apps konventionelle Therapien ersetzen. Smartphone-Nutzer sind ohnehin bereits sehr versiert, wenn es um Gesundheits-, Fitness- oder Ernährungs-Apps geht: Drei Viertel (75 Prozent) haben mindestens eine frei verfügbare App installiert, darunter vor allem Apps mit Sportübungen für zuhause (38 Prozent), Apps, die Fitnessdaten wie Schritte oder die Herzfrequenz aufzeichnen (32 Prozent) oder Apps mit Informationen zu Fitness-, Gesundheits- oder Ernährungsthemen (23 Prozent). Die meisten Nutzer profitieren von diesen Apps, indem sie besser über ihren eigenen Gesundheitszustand Bescheid wissen (63 Prozent), sich mehr bewegen (54 Prozent) oder sich gesünder ernähren (47 Prozent). 39 Prozent richten sogar ihr Leben nach ihren per App übermittelten Vitaldaten aus. Dabei wird die Nutzung nicht immer nur positiv erlebt: Fast jeder Fünfte (18 Prozent) gibt an, sich von seinen Health-Apps unter Druck gesetzt zu fühlen.

Elektronische Patientenakte (ePa) & E-Rezept

Die elektronische Patientenakte (ePa) kommt zum 1. Januar 2021 und wird aller Voraussicht nach auf großes Interesse stoßen: 73 Prozent würden die ePa nutzen. Besonders wichtig ist denjenigen, die sich eine Nutzung vorstellen können, das Thema Daten: So ist für 64 Prozent essenziell, dass die Datenhoheit beim Versicherten liegt und nur der Patient bestimmt, welcher Arzt welche Daten sehen darf. Fast ebenso viele (63 Prozent) nennen insgesamt Datenschutz und Datensicherheit als wichtigste Themen. Fast jedem Dritten (31 Prozent) ist die Bedienungsfreundlichkeit besonders wichtig, jeder Vierte (24 Prozent) wünscht sich einen mobilen Zugang über das Smartphone.

Ebenfalls 2021 wird das elektronische Rezept in Deutschland eingeführt, das dann via Smartphone-App in der Apotheke der Wahl eingelöst werden kann. Zwei Drittel (66 Prozent) können sich die Nutzung vorstellen. Bei den 16- bis 29-Jährigen sind es 70 Prozent, 64 Prozent bei den 30- bis 49-Jährigen, 69 Prozent bei den 50- bis 64-Jährigen und 62 Prozent bei den über 65-Jährigen.

Patienten können von 2023 an ihre in der elektronischen Patientenakte gespeicherten Daten freiwillig pseudonymisiert der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen. Innerhalb der Bevölkerung gibt es dafür eine große Offenheit. Fast 90 Prozent der Menschen in Deutschland sind bereit, ihre Daten unter bestimmten Voraussetzungen auch der privatwirtschaftlich getragenen Forschung zur Verfügung zu stellen. Nahezu jeder Zweite (47 Prozent) würde seine Daten sogar in jedem Fall auch privaten Unternehmen zur Verfügung stellen, unabhängig davon, ob er daraus persönliche Vorteile zieht. Ein deutlich größerer Anteil ist dazu unter bestimmten Voraussetzungen bereit. So würden 83 Prozent ihre Daten an private Unternehmen geben, wenn sie so selbst eine verbesserte Behandlung erhalten könnten. Drei Viertel (76 Prozent) würden ihre Daten spenden, wenn sie genau wüssten, welches exakte Leiden damit geheilt werden soll. 48 Prozent würden ihre Daten im Falle einer seltenen Krankheit an die private Forschung spenden – wenn sie damit anderen Patienten mit der gleichen Diagnose helfen könnten. Demnach sagen nur 8 Prozent, ihre Daten grundsätzlich nicht für die private Forschung freigeben zu wollen.

Künstliche Intelligenz (KI) zur Unterstützung von Ärzten

Röntgen- und CT-Bilder auswerten, Tumore identifizieren, Krebstherapien individuell anpassen: KI verfügt in der Medizin über ein enormes Potenzial. Diese Erkenntnis teilt auch eine steigende Anzahl von Patienten: 44 Prozent sagen, sie würden sich künftig regelmäßig eine Zweitmeinung von einer Künstlichen Intelligenz einholen – 2019 waren es noch 31 Prozent. 45 Prozent meinen sogar, Ärzte sollten grundsätzlich ihre Diagnose von einer KI prüfen lassen (2019: 39 Prozent). Insgesamt sehen viele Menschen die KI vor allem als effektive Unterstützung: 64 Prozent meinen, dass Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben, wenn Künstliche Intelligenz ihnen einfache Tätigkeiten abnimmt. 58 Prozent sagen, Computerprogramme mit künstlicher Intelligenz analysieren Röntgenbilder schneller als Ärzte und sollten ihnen diese Aufgabe dauerhaft abnehmen.

Digitalisierung zur Bekämpfung der Corona-Krise

Insgesamt hat die Corona-Krise zu einer großen Offenheit in der Gesellschaft gegenüber telemedizinischen Angeboten geführt: 93 Prozent sprechen sich für einen Ausbau der digitalen Gesundheitsversorgung aus. So sagen 62 Prozent, dass die ärztliche Beratung per Chat jetzt und in Zukunft ausgebaut werden sollte. 6 von 10 Befragten (59 Prozent) meinen, Video-Sprechstunden sollten nicht nur zu Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie standardmäßig verfügbar sein. Mehr als jeder Zweite (53 Prozent) ist zudem der Ansicht, dass sich mithilfe digitaler Technologien solche Krisen besser bewältigen lassen.

Und ein Großteil der Bundesbürger hat großes Vertrauen in die Potenziale der Digitalisierung in Bezug auf die Bekämpfung des Coronavirus und die Heilung erkrankter Menschen. So sagen 84 Prozent, digitale Technologien können dabei helfen, mehr über das Coronavirus zu erfahren und ein Gegenmittel zu finden, etwa durch die automatisierte Analyse von Patientendaten.

Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben sind zwei Umfragen, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat: Zum einen wurden Mitte April bis Anfang Mai 2020 insgesamt 1.193 Personen in Deutschland ab 16 Jahren zu verschiedenen Themen aus dem Bereich Digital Health telefonisch befragt. Anfang Juli 2020 wurden 1.005 Personen in Deutschland ab 16 Jahren zur Video-Sprechstunde telefonisch befragt. Die Umfragen sind repräsentativ.

 

 

 

 

 

 

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Michaela Meyer
Michaela Meyer
Research & Social Media Manager
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