Multiple Krise belastet künftiges Digitalgeschäft

  • Dennoch: Digitalbranche schafft in diesem Jahr 30.000 neue Jobs und steigert Umsätze um 4,3 Prozent auf 189 Milliarden Euro
  • Unternehmen berichten von sehr guter Geschäftslage, blicken aber mit gedämpften Erwartungen auf das zweite Halbjahr

Berlin, 06. Juli 2022

Halbjahres Konjunktur

Ukraine-Krieg, explodierende Energiepreise und unterbrochene Lieferketten: Die aktuellen Herausforderungen für die Weltmärkte führen in der digitalen Wirtschaft in Deutschland zu Verunsicherung. Derzeit laufen die Geschäfte noch gut, allerdings blickt die Branche verhalten auf die zweite Jahreshälfte. Für 2022 erwartet der Digitalverband Bitkom für die Unternehmen der IT, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik ein Umsatzplus von 4,3 Prozent auf 189,4 Milliarden Euro. Das berichtet der Bitkom auf Basis aktueller Berechnungen. Im Juni 2022 beurteilten die ITK-Unternehmen ihre Geschäftslage insgesamt als sehr gut, wie Erhebungen von Bitkom und ifo Institut zeigen. Der Bitkom-ifo-Digitalindex, der das Geschäftsklima abbildet und sich aus der aktuellen Lage und den künftigen Erwartungen berechnet, stieg um 2,3 auf 22,8 Punkte – das entspricht dem Niveau von vor der Corona-Pandemie. Dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt, glauben allerdings nur wenige Unternehmen. Dementsprechend notiert der Teilindex für die Erwartungen an die kommenden sechs Monate nur schwach im Plus (2,9 Punkte), das ist deutlich niedriger als in den Monaten vor Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine. „Die aktuelle Weltlage stürzt von einer Krise zur nächsten, und die entsprechenden Unsicherheiten verstärken sich gegenseitig. Die Corona-Lockdowns in China lassen die Lieferketten immer wieder reißen, der russische Angriffskrieg hat die Energiepreise explodieren lassen und die Inflation setzt Unternehmen und Haushalte gleichermaßen unter Druck“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Trotz der zunehmenden Unsicherheiten bleibt die Aufgabe bestehen, Wirtschaft und Verwaltung schnell und umfassend zu digitalisieren. Viele Unternehmen haben erkannt, wie herausragend wichtig eine resiliente IT in diesen Zeiten ist. War es in den ersten Jahren der Pandemie der Consumer-Bereich, wird das Branchenwachstum jetzt von Unternehmensinvestitionen getragen.“ Die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt setzt sich fort. Ende des Jahres werden voraussichtlich 1,3 Millionen Menschen in der ITK-Branche beschäftigt sein, gut 30.000 mehr als im Vorjahr.

Mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung, gelebte Homeoffice-Kultur

Die Bereitschaft, mit neuen Technologien zu experimentieren und in die Anwendung zu gehen, ist in der Digitalbranche nach Erhebungen von Bitkom und ifo Institut deutlich stärker ausgeprägt als in der Gesamtwirtschaft. Mehr als ein Drittel der ITK-Unternehmen (36 Prozent) will in diesem Jahr seine Investitionen in Forschung und Entwicklung steigern. In der Gesamtwirtschaft ist es nur etwa ein Sechstel (18 Prozent). Auch digitales und mobiles Arbeiten ist bei Digitalunternehmen überdurchschnittlich stark verbreitet. In der ITK-Branche arbeiten sechs von zehn Beschäftigten (61 Prozent) zumindest teilweise im Homeoffice, in der Gesamtwirtschaft ist es nur ein Viertel (25 Prozent). Die steigenden Energiepreise treffen Digitalunternehmen weniger stark. Die Ausgaben für Strom sind um ein Fünftel (19 Prozent) gestiegen, in der Gesamtwirtschaft um ein Drittel (34 Prozent).

Investitionen in resiliente Infrastrukturen treiben IT-Wachstum

Die beschleunigte Digitalisierung treibt das Wachstum in der Informationstechnik. Mit IT werden 2022 nach aktueller Prognose 113,0 Milliarden Euro umgesetzt. Das entspricht einem Wachstum von 6,7 Prozent. Am stärksten im Plus liegen demnach die Umsätze mit Software (32,4 Milliarden Euro; +8,8 Prozent), die vom boomenden Cloud-Geschäft angetrieben werden. Das Hardware-Segment wächst auf 37,0 Milliarden Euro (+6,7 Prozent). Insbesondere Unternehmen investieren mit einem Fokus auf Digital Work und sichere und resiliente Infrastrukturen, wie Infrastructure-as-a-Service (IaaS), also gemietete Server, Netzwerk- und Speicherkapazitäten (+33,2 Prozent), und Workstations (+27 Prozent). Die Umsätze mit IT-Services steigen auf 43,6 Milliarden Euro (+5,3 Prozent). Das Projektgeschäft ist überwiegend langfristig angelegt und weniger stark von Konjunkturschwankungen beeinflusst.

Netzausbau begründet Wachstum in der Telekommunikation

Der Markt für Telekommunikation setzt in diesem Jahr sein moderates Wachstum fort. 2022 soll das Segment um 1,5 Prozent auf 67,7 Milliarden Euro zunehmen. Mit Telekommunikationsdiensten werden nach Bitkom-Berechnungen 48,8 Milliarden Euro umgesetzt, das entspricht einem Plus von 1,0 Prozent. Das Geschäft mit Endgeräten legt auf 11,9 Milliarden Euro (+2,9 Prozent) zu, die Investitionen in die Telekommunikations-Infrastruktur wachsen ähnlich schnell auf 6,9 Milliarden Euro (+2,7 Prozent). „Die Telekommunikationsunternehmen setzen den Ausbau von Festnetz und Mobilfunk kontinuierlich fort. Nahezu jeder Haushalt kann inzwischen mit schnellem Internet versorgt werden, und der neue 5G-Mobilfunkstandard ist jetzt schon in den meisten Regionen verfügbar“, sagt Berg.

Zurückhaltung der Haushalte dämpft Markt für Unterhaltungselektronik

In der Unterhaltungselektronik wartet man weiter vergeblich auf Wachstum. Nach dem zwischenzeitlichen Corona-Hoch sinken die Umsätze im zweiten Jahr in Folge, um 2,6 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro. 2020 wurden noch 9,3 Milliarden Euro umgesetzt. Berg: „Viele Verbraucherinnen und Verbraucher sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wie viel ihr Geld morgen noch wert ist, und halten sich bei größeren Anschaffungen wie einem neuen Fernseher zurück. Der Trend geht zu bewussteren Kaufentscheidungen, im Zweifel wird lieber auf teurere und langlebige Produkte gesetzt.“

Digitale Agenda für Teilhabe, Nachhaltigkeit, Souveränität und Krisenresilienz

Bitkom setzt sich dafür ein, die digitale Transformation in allen Bereichen aktiv zu gestalten und zu beschleunigen. „Digitalisierung ist die Antwort auf die vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit. Es geht darum, unsere Widerstandsfähigkeit und Resilienz gegenüber Krisen jeder Art zu steigern. Digitale Technologien können uns dabei unterstützen, die Treibhausemissionen zu verringern, sichere und verlässliche Infrastrukturen zu schaffen und die Handlungsfähigkeit von Staat und Unternehmen auch unter widrigen Bedingungen zu erhalten.“ Die Vorschläge des Bitkom umfassen konkrete Maßnahmen zur Steigerung der digitalen Teilhabe, für das Erreichen der Klimaziele mit digitaler Nachhaltigkeit, den Weg zu digitaler Souveränität durch Innovationen in Schlüsseltechnologien und Krisen-Resilienz mit digitalen Lösungen. Das Programm ist online abrufbar unter www.bitkom.org/Kurzpositionen.

Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben zur Marktentwicklung sind Daten der Bitkom Research in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut IDC. Der Bitkom-ifo-Digitalindex basiert auf der monatlichen ifo Konjunkturumfrage und bildet sich aus dem geometrischen Mittel der Werte für die Geschäftslage und die Geschäftserwartungen. Berücksichtigt werden Daten der Digitalbranche, die sich aus Unternehmen der Sektoren Verarbeitendes Gewerbe, Handel und Dienstleistungssektor zusammensetzt. Dazu zählen Hersteller von IT und Kommunikationstechnik, Unterhaltungselektronik, Anbieter von Software und IT-Dienstleistungen, Telekommunikationsdiensten sowie der Groß- und Einzelhandel mit ITK. Gewichtet wird nach Anzahl der Beschäftigten. Der Digitalindex und die weiteren Zeitreihen werden als saisonbereinigte Salden dargestellt.

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Greta Schnaack
Greta Schnaack
Research Consultant
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