Erstmals mehr als 100.000 unbesetzte Stellen für IT-Experten

  • Zahl der unbesetzten Stellen steigt binnen eines Jahres um 51 Prozent auf 124.000
  • IT-Jobs bleiben im Schnitt sechs Monate vakant
  • Zwei Drittel der Unternehmen rechnen mit einer weiteren Verschärfung

Berlin, 28. November 2019

Die Zahl der offenen Stellen für IT-Fachkräfte erreicht eine neue Rekordmarke. In Deutschland gibt es aktuell 124.000 offene Stellen für IT-Spezialisten. Das entspricht einem Anstieg um 51 Prozent verglichen mit dem Vorjahr (82.000). Innerhalb von zwei Jahren hat sich damit die Zahl der unbesetzten IT-Stellen mehr als verdoppelt (2017: 55.000). Das ist das Ergebnis einer Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, die der Digitalverband Bitkom heute in Berlin vorgestellt hat. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von mehr als 850 Geschäftsführern und Personalverantwortlichen in Unternehmen ab 3 Mitarbeitern aus allen Branchen. 83 Prozent geben an, dass sie einen Mangel an IT-Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt erleben, vor zwei Jahren waren es erst 67 Prozent. Zugleich erwarten zwei Drittel (65 Prozent), dass sich die Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. 

Fachkräfte

In jedem sechsten Unternehmen bleiben IT-Stellen länger als ein halbes Jahr unbesetzt

IT-Jobs sind für die Unternehmen deutlich schwerer zu besetzen als andere Stellen. So geben 4 von 10 Unternehmen (40 Prozent) an, dass die Besetzung von IT-Stellen länger dauert als die anderer Positionen, vor einem Jahr waren es mit 31 Prozent noch deutlich weniger. Auch die Zeit, wie lange eine offene IT-Stelle im Schnitt unbesetzt bleibt, ist von fünf  auf sechs Monate gestiegen. In 18 Prozent der Unternehmen bleiben IT-Stellen in der Regel länger als ein halbes Jahr unbesetzt, vor einem Jahr war das nur in 10 Prozent der Unternehmen der Fall. 

Software-Entwickler werden besonders stark gesucht

Besonders begehrt sind Software-Entwickler. Jedes dritte Unternehmen mit mindestens einer offenen IT-Stelle (32 Prozent) sucht Programmierer. Dahinter folgen IT-Anwendungsbetreuer (18 Prozent), Data Scientists (13 Prozent), IT-Projektmanager (12 Prozent) sowie IT-Berater und IT-Service-Manager (je 10 Prozent). 

Gehaltsvorstellungen und Qualifikation der Bewerber passen nicht zusammen

Die Schwierigkeiten, die Unternehmen bei der Besetzung von IT-Stellen haben, sind vielfältig. Am häufigsten werden zu hohe (72 Prozent) und nicht den Qualifikationen entsprechende (52 Prozent) Gehaltsforderungen der Bewerber beklagt. 4 von 10 Unternehmen (41 Prozent) berichten von allgemein fehlender fachlicher Qualifikation der Bewerber und mangelhaften Testergebnissen im Auswahlverfahren (27 Prozent), oder aber es fehlt an notwendigen Kenntnissen neuer Technologien wie KI oder Blockchain (9 Prozent). Jedes dritte Unternehmen (32 Prozent) vermisst bei Bewerbern die notwendigen Soft-Skills wie Teamfähigkeit, jedes fünfte (20 Prozent) hat Bewerber, die nicht bereit sind, Dienstreisen oder einen Umzug zu machen. Jedes achte Unternehmen (12 Prozent) erhält auf ausgeschriebene Vakanzen praktisch überhaupt keine Bewerbungen. 

Unternehmen sprechen IT-Spezialisten oft auf den falschen Kanälen an

Die Unternehmen wären aus Sicht von Berg gut beraten, die Ansprache von potenziellen Bewerbern zu verändern. So gibt eine breite Mehrheit an, dass Kandidaten sich bei ihnen per E-Mail (97 Prozent) oder schriftlich per Bewerbungsmappe (83 Prozent) bewerben können. Nur eine Minderheit setzt dagegen auf Online-Bewerbungs-Tools (26 Prozent) oder ermöglicht die Bewerbung mit einem Mausklick aus Business-Netzwerken heraus (6 Prozent). Gerade einmal 1 Prozent nutzt Bewerbungs-Apps.

Unternehmen suchen online selbst nach geeigneten Kandidaten

Die Personalsuche wird sich in den kommenden Jahren stark verändern. So gehen 7 von 10 Unternehmen (70 Prozent) davon aus, dass das sogenannte Active Sourcing in den nächsten fünf Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Dabei suchen die Unternehmen gezielt zum Beispiel in Business-Netzwerken oder auf Online-Plattformen nach geeigneten Kandidaten und schreiben diese an. Ebenfalls wichtiger werden Kooperationen mit Hochschulen (59 Prozent), Headhunter und Personalvermittlungen (58 Prozent), Karrieremessen (54 Prozent), Online-Stellenbörsen (52 Prozent) sowie Business-Netzwerke (51 Prozent). Dagegen werden klassische Kanäle zur Mitarbeitersuche wie die Printausgabe von Zeitungen (84 Prozent) oder Fachmagazinen (76 Prozent) ebenso an Bedeutung verlieren wie die Arbeitsagentur (42 Prozent) und die Online-Ausgaben von Tages- und Wochenzeitungen (36 Prozent).

Bitkom schlägt Maßnahmen gegen IT-Fachkräftemangel vor

Bitkom fordert ein rasches und entschiedenes Handeln gegen den Mangel an IT-Spezialisten. Dazu gehört, deutlich mehr junge Menschen und vor allem Frauen für ein Informatik-Studium oder eine IT-Ausbildung zu gewinnen und die Abbrecherquote an den Hochschulen zu senken. Zugleich sollten neue Bildungsangebote ausgebaut werden, die schnell aktuelles Wissen vermitteln und zum Beispiel zu Nanodegrees oder Mikrozertifikaten führen. Und die IT-Weiterbildung in den Unternehmen muss forciert werden, etwa durch steuerliche Anreize.  

Als kurzfristige Maßnahme empfiehlt Bitkom Flexibilisierungen im Arbeitsrecht zu erlauben, etwa indem die Möglichkeit geschaffen wird, dass IT-Spezialisten im Rahmen einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit ihre Arbeitszeit frei einteilen können. Zudem sollte die Digitalbranche dringend von den Neuregelungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes ausgenommen werden. Dieses Gesetz hat dazu geführt, dass Unternehmen weniger auf externe Spezialisten zurückgreifen können oder externe Teams in laufenden Projekten austauschen müssen. Jedes sechste Unternehmen (17 Prozent) sagt, dass die Novelle der Arbeitnehmerüberlassung das eigene Fachkräfteproblem weiter verschärft hat. Und 16 Prozent geben an, dass es ihnen nicht gelungen ist, Freelancer oder freie Mitarbeiter fest anzustellen.

Hinweis zur Methodik: Im Auftrag des Bitkom hat Bitkom Research 856 Geschäftsführer und Personalleiter von Unternehmen ab 3 Mitarbeitern aller Branchen (ohne Landwirtschaft und öffentlichem Sektor) befragt. Die Umfrage ist repräsentativ für die Gesamtwirtschaft in Deutschland.

 

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